Die kleingärtnerische Nutzung und die Erhaltung der Artenvielfalt – ein Widerspruch oder eine Partnerschaft?
Viele Menschen stellen sich die Frage „Was ist die kleingärtnerische Nutzung“?
Das Bundeskleingartengesetz (BKleingG) / Stand vom 19.9.2006 definiert in § 1 folgendes:
(1) Ein Kleingarten ist ein Garten, der 1. dem Nutzer (Kleingärtner) zur nichterwerbsmäßigen gärtnerischen Nutzung, insbesondere zur Gewinnung von Gartenbauerzeugnissen für den Eigenbedarf, und zur Erholung dient (kleingärtnerische Nutzung) und 2. in einer Anlage liegt, in der mehrere Einzelgärten mit gemeinschaftlichen Einrichtungen, zum Beispiel Wegen, Spielflächen und Vereinshäusern, zusammengefasst sind (Kleingartenanlage).
Die „Gewinnung von Gartenbauerzeugnissen für den Eigenbedarf“ bedeutet den Anbau von Nahrungsmitteln wie Obst, Gemüse und Kräutern. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden insbesondere hier im Ruhrgebiet mit Beginn der Industrialisierung auch viele Mietwohnungen für die Arbeiter und Angestellten. Diese bekamen für sehr kleines Geld die Chance, beim Bauern oder auf einer Kleingartenparzelle auf dem sogenannten Grabeland ihr Gemüse für den Eigenbedarf anzubauen. Supermärkte mit täglich aus der ganzen Welt gelieferten frischen Lebensmitteln gab es zu der Zeit noch nicht.
Die aktuelle Gartenordnung für die Dortmunder Kleingartenanlagen weist an, dass mindestens ein Drittel der Pachtfläche der kleingärtnerischen Nutzung gewidmet sein muss. Mehr ist jederzeit erlaubt und erwünscht.
Nun wollen wir im NABU-Ruhrgebietsgarten die Artenvielfalt durch das Schaffen von unterschiedlichen Biotopstrukturen fördern. Passt das denn nun mit der kleingärtnerischen Nutzung zusammen? Aktuell haben wir gerade die Gemüsebeete in diversen Formen angelegt. Unter anderem ein Hügelbeet, dazu drei mit Holzbrettern eingefasste Beete und ein Hochbeet. Zusätzlich erproben wir gerade auf der langen Rasenfläche linkerhand des Hauptwegs die No-Dig-Methode. Das bedeutet, wir haben den Rasen nur gemäht und dann mit einer dicken Schicht humoser Erde abgedeckt. So kann er über den Winter langsam durch das Bodennetzwerk in humosen Gartenboden umgewandelt werden. Unterstützend haben wir über den Winter noch eine Gründüngung darauf ausgesät. Dies erfolgte auch auf den meisten der anderen Beetflächen. Einzig ein Beet haben wir Anfang September sofort mit Herbstgemüse (Radieschen und Pak Choi) bestellt. So konnten wir im Oktober schon das erste Bio-Gemüse aus unserem Ruhrgebietsgarten genießen. Auch Stachelbeeren und Rote Johannisbeeren wurden bereits im Frühjahr gepflanzt und haben uns in den Arbeitspausen leckere Früchte zum Naschen geliefert. Wir freuen uns schon auf die Ernten in den kommenden Jahren.
Aber nun zur Titelfrage. Wie sieht es aus mit Obst- und Gemüseanbau und dem Erhalt der Artenvielfalt? Nimmt das eine nicht dem anderen den Platz weg?
Ich hatte mich im alten NABU-Garten im Dortmunder Norden schon lange mit der Frage der Kulturpflanzenvielfalt beschäftigt und dabei die traurige Erkenntnis gewonnen, dass auch innerhalb dieser Pflanzengruppe der Artenverlust extrem ist. Sehr, sehr viele traditionelle, lokale und samenfeste Gemüsesorten verschwinden, weil sie nicht mehr in den eigenen Gärten angebaut werden. Heute nutzen die meisten Freizeitgärtner lieber die zumeist sterilen, lizenzierten F-1 Hybriden. Okay, sie liefern garantiert immer das gleich Tomaten-, Salat- oder Grünkohlmodell. Aber wo sind die vielen alten Sorten von Blattgemüsen wie Spinat und Melde, Mark- und Palerbsen, Busch- und Stangenbohnen, Pflück- und Kopfsalaten, Blatt- und Kopfkohlsorten, Porree, Zwiebeln, Rettichen und Co. geblieben, bei denen man die unterschiedlichen Geschmacksrichtungen noch beim Essen genießen kann? Und wo wird noch für die gesamte Gartensaisonzeit nacheinander eine Vielfalt diverser Obst- und Gemüsearten und -sorten angebaut?
Hier würde ich nun gerne einen kleinen Exkurs in unseren privaten Hausgarten in Dortmund-Aplerbeck machen. Seit gut drei Jahren wohnen wir nun hier. Im ersten Jahr habe ich auf gut 5 qm Gemüse angebaut und konnte jede Woche etwas für eine Mahlzeit ernten. Bis zu diesem Jahr habe ich die Anbaufläche auf gut 22 qm für Gemüsebeete ausgebaut. Dazu kommen noch drei große Töpfe für Freilandtomaten, vier für Paprika und fünf Pflanzsäcke für Kartoffeln. Zusätzlich stehen an den Gartenrändern diverse Beerenobstsorten mit Unterpflanzungen aus Wild- und Kulturstauden. Mithilfe von Fachbüchern habe ich einen Mischkulturplan mit meinen Lieblingsgemüsen und einigen traditionellen Sorten entwickelt. Seit Anfang April ernte ich nun regelmäßig täglich mindestens eine Mahlzeit Gemüse und seit den ersten Monatserdbeeren im Mai auch täglich frisches Obst. Und die Artenvielfalt an Insekten im Garten erhöht sich jedes Jahr. Sie sind extrem gute Mitarbeiter für eine erfolgreiche Ernte.
Die Marienkäfer-, Florfliegen- und Schwebfliegenlarven kümmern sich genauso wie die Feldwespen und Blaumeisen um die Blattläuse. Die Roten Mauerbienen bestäuben die Apfelbäume, deren Blütezeit in ihre Hauptflugzeit fällt. Die Ackerhummeln fliegen pausenlos Himbeeren, Brombeeren, Taybeeren und Weinbeeren für eine ertragreiche Ernte an. Die Erdhummeln kümmern sich um Zucchini, Feuerbohnen und Tomaten. Die vielen Sand- und Furchenbienen-Arten übernehmen die Stachelbeeren, Johannisbeeren und Erdbeeren. Gartenameisen, Kellerasseln, Regenwürmer und Co. sind an der Umsetzung der Mulchschicht in humosen, nährstoffreichen Gartenboden beteiligt. Ab und an finde ich Raupen der Kleinen Kohlweißlinge an meinem Wildkohl. Aber zumeist kümmern sich die Meisen darum. Und zwei bis drei Blatt Verlust kann ich verschmerzen. Denn die drei bis vier Generationen der Imagines lieben, so wie die Karstweißlinge, die Blüten der Radieschen, Winterrettiche und der Wilden Rauke, unserem Lieblingssalat. Somit steht der eigenen Saatgutvermehrung dieser Arten nichts im Wege. Zumal der Winterrettich ebenso wie die Grüne Melde traditionelle Sorten ohne Namen sind, die von mir schon lange Jahre erhalten werden.
Fazit:
Hier in einem ehemaligen Industriestandort am Rande des Ruhrgebiets können wir nicht die Deichhummeln der Wattenmeerküste oder die Libellen der Moorgebiete retten.
Aber wir können uns hier in unseren Gärten der Erhaltung der vielen in Vergessenheit geratenen regionalen Gemüsesorten und der Kenntnis um ihren ökologischen Anbau und ihrer Erhaltung widmen. Und damit können wir zeitgleich auch den vielen verschiedenen kulturbegleitenden Insektenarten und in Konsequenz daraus mit deren Raupen auch den städtischen Kleinvögeln und den Fledermäusen helfen.
Eine für mich sehr spannende, interessante und artenvielfaltfördernde Aufgabe mit tiefgehender kulturhistorischer Bedeutung.
Text und Fotos: Brigitte Bornmann-Lemm / Dezember 2025