Greifvögel AG

Vogel des Jahres 2017: Der Waldkauz

Ende 2016 beschlossen Mitglieder des Dortmunder NABU, im folgenden Jahr (2017) dem Waldkauz als Vogel des Jahres 2017 im Dortmunder Stadtgebiet besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Nicht nur um seiner selbst willen, sondern auch, weil er sellvertretend für Tiere und Pflanzen steht, die an ein Leben in alten, totholzreichen Gehölzen gebunden sind. Wenn man den Lebensraum des Waldkauzes schützt, schützt man zugleich zahlreiche andere dort lebende Arten. Zudem ist die Beobachtung von Waldkäuzen sehr lohnend, denn obwohl sie infolge ihrer nächtlichen Lebensweise oft unauffällig sind, sind sie ziemlich weit verbreitet und relativ häufig. Durch die auffälligen Rufe, die man als Hintergrundgeräusche aus Nachtszenen vieler Krimis kennt, bemerkt man ihn auch im Dunkeln aus einigen hundert Metern Abstand. Er ist erfreulich rufaktiv, schon vom Spätherbst an, in der sogenannten Vorbalz, bis weit in den nächsten Sommer hinein.

Die Erfassung des Dortmunder Waldkauzvorkommen begann im November 2016. Bis zum Spätwinter 2017 waren die Ergebnisse jedoch sehr überschaubar: Einige Meldungen kamen aus der Leserschaft der Ruhrnachrichten, die dankenswerter Weise unsere Bitte um Mithilfe bei der Suche nach rufenden Waldkäuzen abdruckten, einige Rufe hörten wir selbst bei Rundgängen in verschiedenen Stadtgebieten. Doch leider blieben auch solche Orte im Stadtgebiet zunächst ohne aktuelle Nachweise von Waldkäuzen, in denen laut "Dortmunder Brutvogelatlas" um das Jahr 2000 mehrere Waldkauzreviere bekannt waren. Durch einen Trick bei der Beobachtungsmethode gelang endlich im März 2017 der Durchbruch: Wir verwendeten eine sogenannte "Tonattrappe", das ist eine Audioaufnahme von Waldkauzrufen, die wir über einen kleinen Lautsprecher im Gelände abspielen konnten. Der Erfolg war umwerfend: Wir bekamen an zahlreichen Orten in Dortmund Rufantworten, oft sogar von Männchen und Weibchen gemeinsam. Sogar an den Stellen, die wir in den Wochen zuvor vergeblich besucht hatten, meldeten sich Waldkäuze, die uns anscheinend bei unserem ersten Besuch nur stumm beobachtet hatten. Die Klangattrappe wurde aber sehr zurückhaltend eingesetzt, denn es stresst die Vögel natürlich, wenn plötzlich ein vermeintlich rivalisierendes Paar im eigenen Revier auftaucht. Daher schalteten wir sofort ab, wenn die erste Antwort erfolgte. Es stärkt vielleicht sogar das Selbstbewusstsein des Revierpaars, wenn der Eindringling so schnell aufgibt. Eine Beobachtung im Süggel unterstreicht diese Annahme: Die durch die Klangattrappe gereizten Revierinhaber paarten sich spontan nach Verstummen der Attrappe zur Festigung ihrer Paarbindung.

Bis zum Sommer 2017 hatten wir das Dortmunder Stadtgebiet vollständig erfasst und dabei 52 Brutreviere sicher nachgewiesen. Zusätzlich fanden wir noch weitere einzelne Waldkäuze beiderlei Geschlechts. Solche Beobachtungen wurden nicht als Brutreviernachweis gewertet, denn es könnte sich um unverpaarte Tiere gehandelt haben oder sie könnten zu einem entfernter brütenden Paar gehören, das ein sehr ausgedehntes Streifgebiet hat.

So ganz nebenbei konnten wir auch interessante Einblicke in das Sozialverhalten der Waldkäuze bekommen. Die Rollenverteilung bei der Revierbehauptung gegen den Eindringling von der Klangattrappe ist durchaus nicht starr: Es gibt Paare, die gemeinsam gegen den Eindringling Front machen, es kommt aber auch vor, dass nur das Männchen oder nur das Weibchen sich dazu berufen sieht und der andere Partner sich in einiger Entfernung deutlich zurück hält, auch was die Lautstärke anbetrifft.

Die Konkurrenz zu anderen Eulenarten schien uns nicht sehr ausgeprägt. Es gab Reviere, die sich zumindest teilweise mit denen von Waldohreulen oder Steinkäuzen überlappten. Offenbar vertrieb der Waldkauz diese kleineren Eulen zumindest nicht gezielt. Im umgekehrten Fall ließ sich ein Waldkauzpaar mit erfolgreicher Brut nicht durch die unmittelbare Nachbarschaft eines Uhupaars irritieren, deren Junge in Rufweite der Waldkäuze lautstark bettelten.

Die bekannten Ansprüche des Waldkauzes an seinen Lebensraum bestätigten sich auch in Dortmund: Zumindest die Revierzentren mit Nistplatz lagen stets in Gehölzen mit altem Baumbestand (dicke Stämme und auch Totholz), mit größerem Abstand zwischen den älteren Bäumen, lichten Stellen und viel Freiraum unterhalb der Kronenschicht. Die Randbereiche des Reviers können aber durchaus jüngere, dichtere Gehölzbestände oder auch Freiflächen sein. Sehr kleine Gehölze werden innerhalb des Streifgebiets bei der Jagd zwar aufgesucht, bildeten aber nie ein Revierzentrum. In Gehölzen, die an Schnellverkehrsstraßen grenzen, mieden Waldkäuze die ersten 200 m entlang der Straßen, möglicherweise wegen des Verkehrslärms, der eine präzise Beuteortung stört.

Das Dortmunder Stadtgebiet war insbesondere  im nördlichen und im südlichen Drittel von Waldkäuzen besiedelt (22 bzw. 28 Brutpaare), im zentralen Bereich der City sowie in den östlichen Feldfluren in Flughafennähe siedelten keine Waldkäuze. Die halbflüggen Jungvögel erkunden von nahen Gehölzen oder Parks her im Sommer auch Wohngebiete mit alten Baumbeständen, der gerade erwachsene noch unverpaarte Nachwuchs macht im Herbst ausgedehnte Ausflüge auch in dichter bebaute Stadtteile ohne direkt benachbarte Gehölze, wenn diese durch Bäume aufgelockert sind.

Im Detail ist die 2017 erfolgte Erfassung des Dortmunder Waldkauzbestandes vom Natur Museum Dortmund veröffentlicht (Wolfhard Koth-Hohmann, Waldkauz (Strixaluco L.) in Dortmund – Bestand im Jahr 2017 und Habitatpräferenz, Dortmunder Beiträge zur Landeskunde Heft 50 – 2021, S.51 – 86). Die dort kartierten Reviere sind größtenteils immer noch aktuell und werden das auch künftig noch sein, denn Waldkäuze sind reviertreu und werden durchaus um die 20 Jahre alt. Zudem dulden sie letztjährige unverpaarte Nachkommen an ihrer Revierperipherie, die die Eltern bei Revierkonflikten unterstützen. Bei der Waldkauzerfassung 2017 konnten sowohl Söhne als auch Töcher als derartige "Satelliten" festgestellt werden. Im Falle des Todes der Eltern können diese das Revier übernehmen und die Tradition fortsetzen.

Die Waldkauzerfassung von 2017 wird daher auch in Zukunfunt gute Hinweise bieten, wo in Dortmund man Waldkäuze beobachten kann.

Wer selbst einmal nach dem Waldkauz lauschen möchte, findet hier beispielhaft die Rufe verschiedener Indidividuen:

Text: Wolfhard Koth-Hohmann
Fotos von Dortmunder Fotograf*innen
Stand: 2025