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Die letzten Flussregenpfeifer

Die letzten Flussregenpfeifer

Noch stehen auf Phönix West Schilder, die auf einer kleinen Karte Brutgebiete der Flussregenpfeifer ausweisen. Flussregenpfeifer, diese kleinen Vögel, die es 2015 vermochten, eine Baustelle vorübergehend stillzulegen, halten sich nur nicht an die für sie vom Menschen zugeteilten Areale.

Ursprünglich auf Kiesufern natürlicher Flüsse brütend, die es nun kaum mehr gibt, fanden sie in dem weitläufigen Gelände mit ähnlicher Bodenbeschaffenheit einen neuen Lebensraum. Die Vögel sind sehr ortstreu, kommen im März zu ihren alten Brutplätzen zurück und wenn der Nachwuchs flügge ist, spätestens im Juli sind sie wieder weg. Nur wurde ihnen mit der Erschließung der Industriebrache zum „Zukunftsstandort“ auch dieser Ersatzlebensraum immer weiter eingeschränkt. Selbst die ursprünglich vorgesehene Ausgleichsfläche wurde mittlerweile umgewidmet und als begehrtes Gebiet sogar vorrangig bebaut. Zusätzliche Störungen entstanden durch zunehmenden Freizeitdruck – Spaziergänger mit Hunden, Partygänger mit Einmalgrills auf allen Flächen, Quadfahrer quer durchs Gelände, ferngesteuerte Autos, Drohnenpiloten und, und ...

In der Zeit vor 2015 zählten wir auf dem ehemaligen Hochofengelände jährlich zwischen zehn und fünfzehn Paare. Dann wurden es von Jahr zu Jahr weniger und immer weniger wurden auch die erfolgreich aufgezogenen Nachkommen.

Im letzten Jahr musste ich mit ansehen, wie auf der Halde Hympendahl ein Elternpaar verzweifelt versuchte, ihre Jungen gegen eine zahlenmäßige Übermacht von Elstern zu verteidigen – letztlich erfolglos. Danach wollte ich eigentlich nie wieder eine Brut der Flussregenpfeifer „beobachtend begleiten“.

Doch auch in diesem Jahr entdeckten wir wieder ein brütendes Paar auf Phönix West auf einem stillgelegten Behelfsparkplatz und konnten Anfang Mai drei frisch geschlüpfte Küken „wie Pusteblumen auf Beinchen“ umherlaufen sehen. Wir waren nicht sehr optimistisch. Letztes Jahr war an der gleichen Stelle zwei Tage nach dem Schlupf von der ganzen Familie nichts mehr zu entdecken. Auch von den anderen drei Paaren hatte keins erfolgreich Nachwuchs bis zum Flüggewerden gebracht. Erschwerend kam dieses Jahr hinzu, dass ein Turmfalke seinen Horst am Gebäude auf dem gegenüberliegenden Grundstück hatte.

So war es jedes mal ein beglückendes Gefühl, wenn wir alle ein, zwei Tage vorbeikamen und nach einigem Suchen noch alle drei Kleinen vorfanden. Sie wuchsen und machten nach drei Wochen schon die ersten Hüpfer mit ausgebreiteten Flügeln. Wir bewunderten die tapferen Eltern, die es solange geschafft hatten, ihren Nachwuchs zu beschützen.

Umso niederschmetternder war es, als wir eines Tages zwar Warnrufe hörten, aber keine Jungtiere entdecken konnten. Auch am folgenden Tag zu früherer Tageszeit waren zunächst noch Warnrufe zu hören.

Am späteren Nachmittag waren auch die Altvögel verschwunden. Es war das letzte und einzige Paar, das noch auf Phönix West gebrütet hatte.

Unsere Befindlichkeit ist das eine – dass uns in dieser Coronazeit ein kleiner positiver Lichtblick genommen wurde, na ja! Aber betrachten wir es aus der Perspektive des Artenschutzes, so ist inzwischen mit jeder verlorenen Brut die Reproduktion der Art gefährdet.

Ich musste mir das einfach mal von der Seele schreiben.

Dorothee Scharping-Hammad (und Günter Hennemann)